Bäume gehören in die Stadt. Man muss ihnen nur Raum geben

21.01.2026
Veranstaltungsart: Pressemitteilung

Wie können Städte der Überhitzung, dem Wassermangel und dem dichten Netz technischer Leitungen begegnen? Das Webinar zeigte dies am Beispiel von Linz und Jihlava – zwei Städten, die Wege suchen, gesunde Bäume in historische Zentren und Wohngebiete zu bringen. Der Schlüssel liegt in den strukturellen Substraten, im Umgang mit Regenwasser und in geduldiger Kommunikation mit Einwohnern und Denkmalschutzbehörden.

Das Webinar „Grün ohne Grenzen“, organisiert im Rahmen des Interreg-Projekts DeKLARed ADAPTRegions - Klimaangepasste Regionen, öffnete ein Thema, das heute alle Städte betrifft: Wie pflanzt man Bäume so, dass sie im sich verschärfenden Klima überleben können? Gleich zu Beginn wurde deutlich, dass Bäume unter Überhitzung, Wassermangel, extremen Niederschlägen und verdichteten Böden leiden. Neue Schädlinge breiten sich aus, die Verdunstung steigt, geeignete Standorte werden rar und viele früher verwendete Arten bestehen unter heutigen Bedingungen nicht mehr. Die Baumpflanzung erfordert heute völlig andere Verfahren als noch vor zwanzig Jahren.

Linz: Wenn die Baumpflanzung zur Infrastruktur wird

Die erste Präsentation hielt Stefanie Penkner, die Projektleiterin der Baumoffensive Linz. Sie stellte die langfristige Strategie vor, die die Stadt 2019 gestartet hat. Ziel ist es, Bäume in die dicht bebauten Straßenräume zu bringen – dorthin, wo Schatten und kühlendes Grün am dringendsten gebraucht werden. Linz entwickelte dazu zunächst einen strategischen Straßenplan mit einem Mindestabstand von etwa 4,5 Metern zwischen Baum und Fassade, um mittelgroße und große Baumarten pflanzen zu können.

Zudem erstellte die Stadt eine Risikokarte Hitze, die Temperaturdaten mit Informationen über Altersgruppen, Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sowie einkommensschwache Haushalte kombiniert. So werden Bäume genau dort gepflanzt, wo sie den größten klimatischen und sozialen Nutzen haben.

Die größte Herausforderung liegt jedoch unter dem Boden. Leitungen für Gas, Strom, Abwasser oder Fernwärme müssen für jede Straße detailliert erfasst werden. Der in Österreich übliche Mindestabstand von 2,5 Metern zwischen Baum und Leitung muss in der Praxis häufig reduziert werden – sonst wären viele Pflanzungen gar nicht möglich. Die Abstimmung mit den Netzbetreibern ist daher ein zentraler Teil des Projekts.

Die Pflanzungen basieren auf strukturellen Substraten. Jeder Baum erhält mindestens 20 m³ Wurzelraum aus Schotter, Substrat und Drainageschichten. Dieser Raum dient zugleich als Regenwasserspeicher. Darüber entstehen multifunktionale Flächen: Beete, Fahrradabstellplätze, kleine Vorgartenbereiche oder sogar Parkplätze. Die Wurzeln können sich unter befestigten Oberflächen ausbreiten und bleiben dennoch gut belüftet und wasserversorgt.

Linz investiert jährlich rund 800.000 Euro in das Programm. Teilweise müssen Parkplätze geopfert werden – laut Penkner eines der am stärksten diskutierten Themen. Ebenso erfordert die Planung Kompromisse mit dem Denkmalschutz: Auf dem Hauptplatz dürfen Bäume nur dort stehen, wo sie wichtige Sichtachsen nicht stören. Penkner schloss ihre Präsentation mit einem japanischen Sprichwort: „Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste ist heute.“

Jihlava: Wenn unter der Oberfläche drei Etagen Untergrund liegen

Der zweite Beitrag präsentierte Katarína Ruschková, die Leiterin des Umweltamtes der Stadt Jihlava. Sie schilderte ganz andere Ausgangsbedingungen als in Linz: große Höhenlage, schwere Lehmböden, schneller Wasserabfluss und ein komplexes historisches Untergrundsystem unter dem Stadtzentrum. Genau diese Faktoren führen dazu, dass viele Bäume in Jihlava nicht gedeihen.

2020 entschloss sich die Stadt, strukturelles Substrat in einer Straße zu testen, in der Platanen wiederholt eingingen. Nach dem Öffnen der Fläche zeigte sich unter einer dünnen Humusschicht eine kompakte, luftarme Lehmmatrix. In die ausgehobene Pflanzgrube wurde daher strukturelles Substrat lagenweise eingebracht. Die Stadt verzichtete bewusst auf Bewässerung und überwachte die Entwicklung mit Sensoren. Zwei Jahre später ergaben Wurzelsonden, dass die Bäume den Raum gut durchwurzeln und auch ohne Bewässerung vital bleiben.

Diese Erfahrung führte zur Planung der Umgestaltung des Masaryk-Platzes. Unter dem Platz verlaufen große Teile des historischen Untergrunds, gleichzeitig ist der Boden sehr durchlässig – Regenwasser darf daher nicht einfach versickern. Es entstand ein System, das an einen unterirdischen Speicher erinnert: Geotextil, verschweißte Abdichtungsfolie, Schotterlagen, strukturelles Substrat und eine unterirdische Baumverankerung. An der tiefsten Stelle befindet sich ein Kontrollschacht, der überschüssiges Wasser kontrolliert in die Kanalisation ableitet.

Die erste „grüne Insel“ mit fünf Bäumen kostete etwa 1,2 Millionen CZK. Laut Ruschková handelt es sich jedoch nicht um den Preis für fünf Bäume, sondern um die Schaffung einer technischen Grundlage, auf der weitere Abschnitte aufbauen können. Die Abstimmung mit dem Denkmalschutz war entscheidend – einige alte Linden dürfen bis zum Lebensende stehen bleiben, neue Bäume werden so gesetzt, dass sie historische Sichtbezüge nicht stören.

Stadtbäume als Infrastruktur

Beide Städte zeigen: Eine erfolgreiche Baumpflanzung ist längst keine Frage mehr von Pflanzgrube und Gießkanne. Bäume brauchen Raum, Wasser und technische Lösungen, die es ihnen ermöglichen, extreme Bedingungen zu bewältigen – und sie verlangen von Städten den Mut, etwas Asphalt oder Parkraum aufzugeben. Das Webinar Grün ohne Grenzen brachte eine klare Botschaft: Wenn wir in einigen Jahrzehnten noch Bäume in unseren Straßen haben wollen, müssen wir heute passende Lebensbedingungen schaffen.

Webinar Aufnahme

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